Smarter Work mit Social Media Skills

Grafikloge WissensWertDas Schweizer Human Resource Portal HR Today bat mich, zu Workplace Learning einen Überblicksartikel zu schreiben. Das Thema ist auch Gegenstand der 16. Ausgabe des WissensWert Blog Carnival, in dem die Frage „Wie wird Workplace Learning bei Ihnen umgesetzt?“ von über zehn Fachleuten beantwortet wird.
Mein Text für HR Today hat den  Titel „Stille Revolution im Workplace Learning – durch Social Media„. Dafür haben Vordenker wie Jane Hart und Jay Cross die kurze Bezeichnung „Smarter Work“ geprägt.

Abstract: Im Zeitalter von Youtube, Facebook und Twitter entwickelt Workplace Learning ein anderes Gesicht. Neue Formen informellen Lernens mit Social Media halten Einzug in die Arbeitswelt. Diese Innovation ist ein zweischneidiges Schwert. Die Nebenwirkungen Arbeitsverdichtung, Information Overload und laufende Unterbrechung sind nicht lernförderlich und eine Herausforderung für jeden Einzelnen und die Betriebe. Jedoch sind die heutigen Web-Tools und Apps einfach gut und beliebt. Ihr Siegeszug ist unaufhaltbar, denn die neuartige Symbiose von Lernen und Arbeiten birgt das Versprechen von effektiverem und effizienterem Lernen.

Wie reden die da?
Die Praxis des Lernens in der Arbeit gibt es schon lange und kennt zahlreich Formen. Folglich herrscht Begriffsvielfalt. Die abgebildete Wortwolke zeigt die verbreiteten Buzzwords und wie Verschiedenes man darunter verstehen kann. Kaum haben die Unternehmen den Wandel zu Blended Learning verinnerlicht, beginnt die Ära des Workplace Learning 2.0. Bei den neueren Ausprägungen des arbeitsintegrierten Lernens kommen gewichtige formelle Weiterbildungen wie berufsbegleitendes Online-Fernstudium ebenso wenig vor wie langwierige webbasierte Trainings, in die man von Learning Management Systems hineingezwungen wird. Prägend für 2.0-ige Lernkultur ist die Arbeiten mit Social-Media-Tools, insbesondere in kollaborativen Lernsettings: Es wird informell gelernt, man ist weniger von vorgegebenen Lern- und Arbeitsorten abhängig, und es findet eine Loslösung von der Versorgungsmacht durch Corporate Training Services statt. Raske, der in einer Bank für E-Learning verantwortlich ist, drückt das in seinem Beitrag zu WissensWert deutlich aus . Diese sind gefordert, sich zu Beratern und Coaching für „Smarter Work“ zu entwickeln (Social Learning Handbook).

Workplace Learning ist Alltag
Haben Sie heute im Arbeitsprozess durch E-Medien gelernt? Wenn ich meine Arbeitstage Revue passieren lasse, dann sage ich klar: ja, praktisch täglich! Nehmen wir die Entstehung dieses Artikels als Beispiel.
Texte, die ich dafür gelesen habe, sind alle online verfügbar und das fast ausnahmslos kostenlos. Gefunden habe ich die Beiträge über meine Fachcommunity im Netz, die via Twitter Linkempfehlungen macht und ihr Wissen in Blogposts und Websites veröffentlicht; zusammengestellt und öffentlich einsehbar sind die Links in meinen Social-Bookmarking-Dienst Diigo. Beim verarbeitenden Lesen werden die Contents meiner Fachkontakte zu Netzknoten. Ich klicke ausgewählte Links und wandere noch hierhin und dorthin ab, lese und lerne dazu. Da ich am Schreibtisch immer online bin, arbeite ich zwischendurch den Maileingang ab; das Mailprogramm lasse ich offen, denn während der Bearbeitung erteile ich damit Aufträge für Zuarbeiten an dem Artikel. Und sogar für eine Schwatzpause in Skype war ausnahmsweise Zeit. Meistens erwähnt man, was man gerade tut und bekommt dafür oft noch einen Wissenstipp. Wie Harold Jarche formulierte ist dann Arbeit Lernen und Lernen Arbeit; man lernt, wenn man es für eine Aufgabe gerade braucht, on-demand und just-in-time, wobei das neu Gelernte gleich angewendet wird. Oft geschieht mit der Bearbeitung in einem Zug die Arbeitsvorbereitung für andere und spätere Aufgaben, da ich mir geeignete Arbeitsmaterialien durch entsprechenden Tags mit wenigen Klicks vormerke. Schliesslich ist im Arbeitsprozess noch Platz fürs Lehren, denn nicht nur sind meine Bookmarks öffentlich einsehbar, sondern wenn ich eine besonders gute Quelle finde, nehme ich mir auch Zeit, diesen Link zu twittern. Diese Symbiose von Lernen und Arbeiten – und Lehren – beobachte ich auch, wenn ich mir neue Tools oder Softwarefunktionen durch Video-Tutorials erklären lasse; das kommt häufig vor. Wer eine Frage oder ein Problem hat, benutzt eine Suchmaschine und findet die Antwort – seien es Websites, PDF-Texte, Video-Clops, Bücher, wissenschaftliche Artikel, Präsentationen – sozusagen als „Knowledge-Snack“. Wenn ich Microcontent lese, verstehe und verarbeite, nennt man das Microlearning, denn so eine Einheit beansprucht selten länger als wenige Minuten. Die höhere Kunst des „Ich-hätte-da-mal-eine-Frage-Lernens“ ist, seine Fragen in die Twitter-Community zu geben oder neuerdings das auf Fachfragen spezialisierte Quora zu benutzen. Die Erfahrung zeigt, man bekommt Antworten schnell und meist auch aufschlussreiche.
Wie man sieht ist die Vision von Informationen und Lernen „at your fingertips“ wahr geworden. Natürlich gibt es weiter Seminare und Konferenzbesuche, aber Workplace Learning 2.0 wird Alltag und bleibt keine Nischenerscheinung.

Können Mitarbeitende das und hält man das durch?
Das beschriebene Multitasking beim Workplace Learning in Gestalt von Social Learning bzw. Smart Work finde ich hochproduktiv. Es sieht fragmentiert aus, fühlt sich aber an wie kunstfertig mehrere Bälle zu jonglieren; das erfordert hohe Konzentration. Um dahin zu kommen, muss man Kenntnisse über das Zusammenspiel und den Umgang mit den Tools erwerben und natürlich üben (vgl. unser Quick Assessment zu Ihren Social Media Kenntnissen). Multitasking ist m.E. nicht zu verteufeln; es gibt gutes und schlechtes, so wie Eustress und Distress. Ist man in der Arbeit laufend verbunden, ist man auch immer erreichbar und läuft Gefahr, dauernd unterbrochen zu werden. Die mobilen Websites und App-Dienste für die Touchscreen Smartphones, schrumpfen den PC ins Handy, so dass der Arbeitsort überall dabei ist. Dann springt man zwischen verschiedenen Arbeitsprozessen hin- und her wie ein rastloser Tiger, hat ständige geistige Rüstzeiten und ist negativ gestresst. Das ist nicht lernförderlich. Unproduktives Multitasking und sich im Cyberspace zu verlaufen sind Verhaltensweisen, die süchtig machen können; es braucht eine höhere Selbstkompetenz als früher, sich dem zu verweigern: Unternehmen müssen durch Verhaltensnormen und organisatorische Rahmenbedingungen dafür Sorge tragen, dass das Produktivitätspotential von vernetztem Arbeiten nicht durch erschöpfenden Arbeitsverdichtung und ungute Arbeitspraktiken verschwendet wird. (Dean/Webb: Recovering from information Overload, McKinsey Quarterly Jan. 2011).

Anwendungen aus der Unternehmenspraxis – ein Herantasten
Wo die führenden Unternehmen heute stehen und wie sie sich herantasten zeigen Keynotes von Vordenkern aus Wissenschaft und Praxis sowie insbesondere die zahlreichen Praxisbeiträge mit Branchenbeispielen und Live-Demos an den beiden Tagen der Swiss E-Learning Konferenz (SeLC 2011).

Die Zukunft hat gerade erst begonnen
Workplace Learning mit der Vision von Smarter Work hat noch gar nicht richtig angefangen. Heutzutage lernt man gerne auch mit Büchern und Zeitschriften, da man ohnehin schon viel Zeit am Bildschirm und im Sitzen verbringt. Mobiles Lernen, Touchscreen-Tische, Brillen für Augmented Reality, Sprachinteraktion und Gestiksteuerung mit vollem Körpereinsatz, wie man sie von jüngeren Spielkonsolen her kennt, zeigen wohin die Reise geht.

PS: Machen Sie am 4. April persönlich einen Schritt hin zu Workplace Learning und Arbeitspraxis im Zeitalter von Sharepoint, Xing und Twitter.  Mehr zu unseren Workshops hier: www.selc.ch/pre-conference . Interessierte melden sich bei learningcenter@unisg.ch.

Meine spannendste Tagung der letzten Monate: Auf gestrandeter Trainings-Arche

Grafikloge WissensWertIn der Ausgabe 11. des WissensWert Blog Carnival fragt Jochen Robes, welches die spannendste Tagung in den letzten Monaten war.

Ich wusste meine Antwort sofort: Es war die SCOPE‘ 09 im September in Wedel. Die war im übrigen kein Barcamp (siehe WissensWert Blog Carnival Ausgabe 8: Edu-Barcamps), was man spontan wegen meinem Interesse an Lern-Themen vermuten könnte. Zur SCOPE’09 hatte  mich Ulrike Reinhard eingeladen, und zwar auf das Segelschiff „Roter Sand“, auf dem dann 23 Leute zusammen kamen. Die Wirkung der „Architektur“ des Tagungsortes fand ich äusserst spanned: Es brauchte nicht zahlreiche Gruppenarbeitsräume – nein im Gegenteil. Das Schiff bot auf kleinem Raum viele verschiedene Gesprächsorte (klicke diesen Link zum Video, die Szenen nach dem kurzen Digeredo Auftakt). Es war zudem störungsfrei möglich, sich zwischen diesen Gesprächstreffpunkten fliessend zu bewegen, oder auch sich mal auszuklinken. Das ist wie «Open Space» sich anfühlen sollte. Um ein wenig von dieser Atmosphäre in Konferenzsäale und Messehallen zu holen, könnte man ja einmal eine „Trainings Arche“ mitten im  Messe-Meer plazieren.

Dann das web-zwei-nullig Spannende, das mich heute noch fasziniert und mein Weiterdenken beschäftigt, waren die diversen und neuartigen Arbeitsweisen, wie die Gruppen ihre Ergebnisse festhielten. Das ist ein wichtiger Gestaltungsaspekt von „Tagungen“.

Die engen Platzverhältnisse und die an das Kindergeburtstagsspiel „Schokolade-mit-Handschuhen-schneiden-müssen“  erinnernde Einkleidung in Rettungswesten machten es praktisch unmöglich, mit traditionellen Mitteln zu arbeiten: Wie sollte man da Flipchart-Zeichnungen handhaben, Folien für die Präsentation auf einem Overheadprojektor bemalen, und aufwendige PPT-Slides erstellen. Aber ein Notebook oder andere Devices mit Netzanschluss hatten einige dabei, denn das gute alte Schiff war mit W-LAN ausgestattet. Es genügte eine notdürftige Leinwand für die Momente, wo es einen Beamer brauchte. Sie behinderte zwar wie ein Vorhang  den Weg in die Kaffeeküche, dafür gestaltete sich das Geschehen an und um die Leinwand für die Zuschauer abwechslungsreich.

Einer der Teilnehmer, Frank Hamm, machte TV und „streamte“ unsere Tagung in Echtzeit ins Internet. Mit Handy – oder waren es andere Video-Devices? – wurden Videoschnippsel und Statements aufgenommen, nicht nur getwittert #scope09. Und deshalb gibt es auch Fotos, hier in der Diashow zu sehen:

YouTube Preview Image

Einzelne (z.B. Frank Roebers, Ulrike Reinhard) machten ihre Mitschrift zur Veranstaltung gleich im persönlichen Blog. Ich selbst folgte wie oft der heissen Spur von neuen Tool-Tipps, die Martin Lindner immer auf Lager hat, und notierte die Arbeitsergebnisse unserer Gruppe ins simultan-kollaborative Wiki Etherpad, d.h. auf eine öffentliche Website. Das fand ich genial, muss ich sagen. Es war nicht allein meine Verantwortung, für die Ergebniskommunikation am nächsten Morgen den Bericht zu schreiben, die Hotelzimmeraufgabe hatten wir alle. Noch bevor ich dann am nächsten Morgen präsentierte – und auch während der Präsentation als eine Diskussion am runden Tisch dazu aufkam – ergänzten, verbesserten und formatierten Mitglieder meiner Gruppe den Text. Das Mitprotokollieren war wie gleichzeitiges Editieren eines Wikipedia-Artikels – und das im Zeitrafferfilm vor aller Augen. Als ich ausgesprochen hatte, war der Text schon weiterentwickelt und ist jetzt immer noch für jeden nachlesbar und verlinkbar, siehe die Site „Clou-Ship Manifesto – Collective Intelligence im Unternehmen verankern„.

Mit einem Schmunzeln halte ich als eines von viel Gelerntem fest: Wenn es darum geht, eine neue Tagungskultur zu schaffen und alte Praktiken über Bord zu werfen, dann ist es manchmal besser, man macht es den Leuten hinsichtlich Platz und Arbeitsmitteln unbequem und legt ihnen Beschränkungen auf. Dann entsteht Energie, sogar so viel, dass es uns gar nicht viel ausmachte, dass das Schiff auf Sandbank lief. Ganz wie der Volksmund schon immer wusste: Not macht erfinderisch, d.h. innovativ: Besonders wenn Web-Innovation mit an Bord sind.

Online-Seminare kosten mehr … Energie (WissensWert Blog Carnival Nr. 10)

Grafikloge WissensWertIn der Ausgabe 10 des WissensWert Blog Carnival, die bis Feb. 2010 für Beiträge offen ist, wird gefragt, ob Online-Seminare bzw. Online-Konferenzen eigentlich funktionieren und welche Erfahrungen man damit gemacht hat.

Da kann ich allerdings mitreden. In den letzten Wochen machte ich so viele Online-Seminare und Online-Meetings wie nie zuvor. So abrupt mehr als früher, dass ich mich fragte: Wie kam es denn ausgerechnet jetzt dazu; schliesslich gibt es diese Werkzeuge (bei mir vor allem Adobe Connect) doch schon seit langem? Mein Nachdenken über diese Veränderung in meiner Arbeitspraxis bringt folgende Beweggründe zu Tage:

  • Die Usability-Barriere ist weg: Ich habe entdeckt, dass ein Web-Meeting bzw. Virtuelles Klassenzimmer ganz einfach und blitzschnell verfügbar ist. Bei unserem Diensteprovider Switch konnte ich einen eigenen „virtuellen Besprechungsraum“ einrichten, der immer offen ist, und für den ich meinen Teammitgliedern die weitestgehenden Rechte gegeben habe. Somit ist der „Virtuelle Besprechungsraum“ nur einen Klick entfernt, nämlich den Sekunden-Klick auf einen Weblink. Es ist genauso einfach, da hin zu kommen, wie auf eine Website, und den Link kann man jedem leicht und spontan kommunizieren, den man als Teilnehmer einladen möchte.
  • Das Nutzungsbedürfnis ist grösser: Die Leute haben weder Zeit noch Geld zu Reisen, wegen der Krise. Und Not macht bekanntlich erfinderisch bzw. kann eingefleischte Gewohnheiten wie Berge versetzen.
  • Die Akzeptanz von Online-Vorträgen aus Zuhörersicht ist höher: Eine wahre Begebenheit mag das belegen. Wie lehnen Sie eine Vortragsanfrage ab, ohne „Nein“ zu sagen? Ich bekam neulich eine Anfrage für einen 30 minütigen Vortrag in einer Stadt, wo mich die Anreise jeweils 8 Stunden gekostet hätte, mit so vielen Unterbrechungen, dass an ruhiges Arbeiten nicht zu denken gewesen wäre. Mein „Nein“ kommunizierte ich verkleidet als: „Ich könnte es höchstens als Online-Vortrag machen“. Die Anfrager sagten überraschend „JA“, und so habe ich dann einige Zeit später als an die Wand projeziertes Bild einem hochrangigen Präsenzpublikum präsentiert.
  • Ich habe unbekümmert „Ja“ gesagt: Und zwar zugesagt, an einer 2-tägigen Konferenz, die nur aus Webinaren bestand, mitzuwirken. Mein Beitrag war ein 1-stündiger Vortrag und ein 1-stündiges Interview, wobei jeweils ca. 15 Teilnehmer im virtuellen Konferenzraum waren – von den ursprünglich 25 Angemeldeten. Das ist ganz normal; auch ich bin bei den wenigsten Webinaren, zu denen ich mich ernsthaft angemeldet habe, dann tatsächlich dabei. Anderes ist dann meistens drängender und wichtiger – und es gibt ja die Aufzeichnungen, tröstet man sich dann.

Und was ist nach diesen dichten in-medias-res Erlebnissen mein Erfahrungsbericht? Lassen Sie mich erst mal Luft holen … .

Ich fühlte mich nach den Präsentationen, die ich als Vortragende gegeben habe, wie ausgesaugt, verlassen, ja sogar leicht wütend – was mich ziemlich verstört hat. Denn wenn ich Besprechungssituationen mit demselben Tool mache, finde ich das so natürlich wie Telefonkonferenzen, ja sobar viel besser und bin am Ender dieser Online-Meetings genauso fröhlich wie zuvor, und deshalb möchte ich die keinesfalls missen.

Nun, wie kann das so anders sein? Genauso wie für einem Präsenz-Auftritt wendet man als Vortragender in der Vorbereitung viel Energie auf, für den virtuellen Vortrag noch mehr als bei gewohnten Präsenzveranstaltungen. Denn der Ablauf muss sehr genau besprochen und abgestimmt werden. Die Unterlagen werden sicherheitshalber vorher ins System geladen und getestet. Es findet einige Tage vorher ein Techniktest statt, ob mit dem eigenen Computer alles passt. Dann ist da die Anspannung, ob alles klappt oder gar umsonst war. Und – ob Sie es glauben oder nicht – sogar der Impuls, sich ordentlich anzuziehen, geschminkt und frisiert zu sein, mit geradem Rücken am Schreibtisch zu sitzen ist da, auch wenn gar kein Videobild übertragen wird.

Dann noch die sich wie Kaugummi dehnenden Warteminuten, bis alle bereit sind und es los geht. Man redet, man stellt Fragen. Und trotz dieser bewussten Interaktion, trotz der Smileys und Handzeichen kommt es einem nach ca. 15 Minuten so vor als ob man in einer Isolationszelle Selbstgespräche führt. Wenn die Zuhörer gebannt und still konzentriert sind, wird man nervös und fragt „kann man mich noch hören?“ Das können sie natürlich, und so kommt es am Schluss auch noch zu einer angeregten Diskussion – denn durch das begleitende Chatten geht kein Gedanke verloren und man findet immer einen Anknüpfungspunkt; hier muss das „Eis“, dass jemand die erste Frage stellt, nicht gebrochen werden. Alle sagen Danke und freundlich-frohes auf Wiederhören. Wenn jeder aufgelegt hat, ist da Stille: NICHTS mehr. Ich finde mich nach erbrachter Leistung  aufgeputscht, in einem Erregungszustand wieder, den ich nicht abbauen kann. Im Präsenzkontext kommt da noch etwas, ein Ausklang. Für die Online-Seminar-Situation drängt sich mir das Bild eines Stiers auf, der zur künstlichen Besamung geführt wird und sich an einer Attrappe verausgabt. Der fühlt sich danach vermutlich ähnlich irritiert: Betrug denkt er, nein fühlt er!

Aber dieser Gefühlszustand  ist schnell vorbei, am Schreibtisch, denn da geht es weiter mit der Arbeit. Keine Reise liegt vor mir, es gibt kein Nachspiel zum Vortrag. Für die willkommen gesparte Reisezeit bezahle ich mit einer Arbeitsverdichtung.

Fazit: Wenn mich wieder jemand anfragt, eine Webinar-Präsentation zu geben, weiss ich schon, dass erwartet wird, dass es kein oder nur ein sehr geringes Honorar wert ist  (der Referent muss ja nicht Reisen, das lässt sich ja mal so zwischenrein flicken). Ich werde jedoch sagen: Online-Seminare kosten mich mehr Energie, die Energiebilanz ist negativ, weil ich in der Online-Situation weniger Energie zurückbekomme als in Präsenz. Online-Seminare kosten deshalb auch mehr Honorar als Präsenzvorträge. Somit werde ich nie mehr Grund zu solchen Jammer-Beiträgen haben, denn alles ist eine Frage der richtigen Dosis und damit wird sich das Zuviel an Online-Vorträgen von selbst erledigen.

Editorial zum WissensWert Blog Carnival Nr. 7 (Was bringen Wikis?)

Grafikloge WissensWertDie Blog Carnival Ausgabe „Was bringen Wikis“ versetzt mich angesichts der Qualität, Fülle und Vielseitigkeit der Beiträge in Erstaunen. Mit 18 Beiträgen von Fachautorinnen und -autoren bietet uns die Ausgabe fast ein „Fachbuch“ aus der Feder von Praxisanwendern, einen reichen Erfahrungsschatz. (Hätten wir Organisatoren des Themas das als traditionelles „Buchprojekt“ angepackt, könnten wir erst in knapp einem Jahr mit der Publikation rechnen und hätten nicht all diese Autoren insb. aus der Praxis gefunden; für mich beweist das Format „Blog Carnival“, welche Wissens-Werte eine ad-hoc Community schaffen kann.)
Als Kurzzusammenfassung vermag ich diesmal nur einige Stichworte anzugeben, die bestimmt zum vertieften Lesen anregen.
Wikis und E-Learning (5 Beiträge):
Fünf Beiträge beziehen sich i.e.S. auf Lernkontexte. Wir erfahren vom Wiki-Einsatz als persönliches Lerntool im Studium, und weitere Beiträge zeigen die Nutzung vom Schulunterricht bis hin zum Lernen als Senior/inn/en; dabei ist natürlich auch die betriebliche Bildung abgedeckt :-))

Wikis in Unternehmen (13 Beiträge):
Wer hätte gedacht, dass gerade in einer Null-Fehler-Kultur-Unternehmensgruppe das Wiki-Prinzip begeistert? Und was für Wiki-Erfahrene ohnehin klar ist, aber doch immer wieder gesagt sein muss: Die Unternehmenskultur (oder auch die „Reifestufe“ in einem Unternehmen) prägt die Art und Weise, wie eine Wiki-Anwendungslösung funktioniert und gelingt, nicht in erster Linie die Wiki-Software. Dies ist in mehreren Beiträgen explizit und zwischen den Zeilen herauszulesen. Die vielen beschriebenen Unternehmenswikis werden generell als zentrale Informations- und Wissensdrehscheibe gesehen, unternehmensweit sogar als dynamisches Intranet; sie sind aber sehr vielseitig: Wir finden unter den Anwendungskontexten u.a. folgende: Projektdokumentation und Projektabwicklung, Softwaredokumentation, Objektplanung, Verkaufsauskunft und Best Practice Wissensplattform u.v.a.m. Unter diesen Stichpunkten sind vermutlich Anwendungsfelder, wo auch Sie schon einmal das Gefühl hatten: „da drückt der Schuh“, da müsste man einmal die „Schuhgrösse“ wechseln, um besser vorwärts zu kommen. Stöbern Sie also in der 7. Ausgabe: Was bringen Wikis, und vielleicht finden Sie Ihr passendes Paar Wiki-Schuhe für die kommende Saison.

Die WissensWert-Site ist die Heimat der verschiedenen Carnival-Ausgaben, die jeweils mit einem Aufruf mit näheren Erläuerungen zum Thema starten.